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Womit wir an der Bühnenpräsenz arbeiten: Werkzeuge und Methoden
Journal Theatrale Präsenz

Womit wir an der Bühnenpräsenz arbeiten: Werkzeuge und Methoden

Ein Blick in den Probenraum: Welche Mittel aus dem Schauspiel wir einsetzen, um Blickführung, Pausen und Auftritt zu schulen, und warum jedes davon einfach gehalten ist.

Jonas Weidmann 5 Minuten Lesezeit

Wenige Mittel, genau eingesetzt

Wer an Bühnenpräsenz arbeitet, erwartet oft einen Koffer voller Techniken. In unserem Probenraum ist es eher das Gegenteil: Wir verlassen uns auf eine überschaubare Zahl von Methoden aus dem Schauspiel und üben sie so lange, bis sie nicht mehr nach Übung aussehen. Das gilt für Führungskräfte ebenso wie für Fachleute, die einmal im Jahr eine Keynote halten.

Der Grund ist praktisch. Auf der Bühne haben Sie keine Aufmerksamkeit übrig für ein Dutzend Regeln. Ein Werkzeug, das Sie im Stehen, mitten im Satz und unter Spannung abrufen können, ist mehr wert als zehn Hinweise, die nur im Seminar funktionieren.

Als Dozent für Körperarbeit schaue ich dabei zuerst auf das, was der Körper ohnehin tut, bevor wir etwas hinzufügen. Meist genügt es, Überflüssiges wegzunehmen: ein Wippen, ein Griff in die Tasche, ein Blick, der am Publikum vorbeigleitet.

Der Blick als erstes Werkzeug

Blickführung ist die unscheinbarste und wirksamste Methode, die wir einsetzen. Statt über die Köpfe zu streichen, lernen Sie, einen Gedanken zu einer Person zu sprechen und erst am Satzende weiterzugehen. Im Raum entsteht dadurch Ruhe, weil jeder Einzelne erlebt, dass tatsächlich zu ihm gesprochen wird.

Wir üben das zunächst mit Stühlen, auf denen Zettel mit Markierungen liegen, später mit Kolleginnen und Kollegen aus der Gruppe. Dabei geht es nicht um Dauer, sondern um Entscheidung: Wohin schauen Sie, wann lösen Sie den Blick, und was tut der Körper währenddessen.

Auffällig ist, wie schnell sich die Stimme anpasst. Wer einen Blick wirklich beendet, beendet meist auch den Satz sauber. Das spart Füllwörter, ohne dass sie verboten werden müssten.

  • Ein Gedanke, eine Person, ein Satz
  • Blick erst lösen, wenn der Gedanke abgeschlossen ist
  • Zettelmarkierungen auf Stühlen als Übungshilfe

Die Pause als Gestaltungsmittel

Die meisten Redner fürchten die Pause, weil sie sie mit Unsicherheit verwechseln. Aus dem Schauspiel kennen wir eine andere Haltung: Eine Pause ist Teil des Textes. Wir arbeiten mit einfachen Zählhilfen, etwa dem stillen Atemzug vor einer wichtigen Aussage, und prüfen im Probenraum, wie lang eine Stille tatsächlich wirkt.

Meist zeigt sich, dass das eigene Zeitgefühl täuscht. Zwei Sekunden Schweigen fühlen sich auf der Bühne wie eine halbe Minute an, im Zuschauerraum sind sie kaum merklich. Diese Differenz zu erleben, nimmt der Pause ihren Schrecken.

Wir lassen Sie deshalb Passagen Ihrer eigenen Rede mit bewusst gesetzten Pausen sprechen und anschließend ohne. Die Gruppe sagt, was sie gehört hat, nicht was sie fühlt. So bleibt die Rückmeldung konkret und ruhig.

Raum, Stand und Wegführung

Bühnenpräsenz hat viel mit Raum zu tun. Wir markieren im Probenraum mit Klebeband die Fläche, die Sie später vorfinden könnten, und üben, sie zu bewohnen statt nur zu durchqueren. Ein Standpunkt für die Einleitung, ein anderer für den Hauptteil: Wer den Raum gliedert, gliedert unwillkürlich auch die Rede.

Gehen ist dabei ausdrücklich eine Entscheidung. Wir lassen Sie Wege mit Ziel gehen und anschließend stehen bleiben, ohne nachzutreten. Das wirkt unspektakulär, hat aber eine große Wirkung auf die Ausstrahlung von Gelassenheit.

Die Ausrichtung des Körpers, an der wir in einem eigenen Baustein vertieft arbeiten, bildet dafür die Grundlage. Hier genügt es, dass Sie fest und doch beweglich stehen, bevor Sie sich bewegen.

  • Spielfläche mit Klebeband markieren
  • Standpunkte für Einleitung und Hauptteil festlegen
  • Wege mit Ziel gehen, dann ruhig stehen

Arbeiten mit dem eigenen Text

Wir bringen keine fremden Texte mit, sondern arbeiten an dem, was Sie tatsächlich sagen werden. Eine Passage Ihrer Rede wird in kleine Einheiten zerlegt, jede erhält einen Adressaten und eine Absicht, etwa erklären, einladen oder zuspitzen. Daraus ergibt sich fast von selbst, wo der Atem sitzt und wo der Blick hingehört.

Aus der Theaterprobe übernehmen wir auch den Gedanken der Wiederholung. Dieselbe Stelle wird mehrmals gesprochen, jedes Mal mit einer kleinen Veränderung. So erleben Sie, wie viel Spielraum in einem Satz steckt, und Sie lernen, nicht am ersten Einfall hängen zu bleiben.

Notizen sind erlaubt, Manuskriptseiten ebenfalls. Wir üben, wie man sie hält, ohne dass sie zwischen Publikum und Redner treten.

Rückmeldung, die sich nutzen lässt

Die beste Methode nützt wenig ohne verlässliche Rückmeldung. In unserem Probenraum beschreiben wir zuerst, was sichtbar und hörbar war, dann erst, welche Wirkung es hatte. Bewertungen wie gut oder schlecht vermeiden wir bewusst, weil man mit ihnen nichts anfangen kann.

Jede Rückmeldung endet mit einer einzigen Sache, die Sie bis zum nächsten Durchlauf anders machen. Das klingt bescheiden, führt aber über mehrere Termine zu spürbarer Veränderung, weil nicht zu viel auf einmal verlangt wird.

Diskretion gehört dazu. Was im Raum gesprochen und geprobt wird, bleibt im Raum. Erst dadurch trauen sich viele, Dinge auszuprobieren, die im Berufsalltag ein Risiko wären.

  • Erst beschreiben, dann deuten
  • Nur eine Änderung bis zum nächsten Durchlauf

Die Werkzeuge der theatralen Präsenz sind unspektakulär: ein bewusster Blick, eine gehaltene Pause, ein gewählter Standpunkt, ein Text mit klarer Absicht. Gerade deshalb tragen sie auch unter Anspannung. In diesen Herbstwochen, in denen viele Vorträge und Jahrestagungen anstehen, lohnt es sich, zuerst eines davon zu üben, statt alles zugleich zu verändern.